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Protokoll: EZB-Rat wollte ursprünglich Zinsen stärker als 50 Bp anheben

Investoren auf der Longseite hatten bei der letzten EZB-Sitzung im Dezember Glück, dass der EZB-Rat von einem 75 Basispunkte (Bp)-Schritt Abstand nahm und sich mit 50 Bps begnügte. Im Gegenzug will die EZB zu euphorische Märkte "verbal" einbremsen, wie die die vergangenen Tage bereits zeigten.

In der EZB dominieren derzeit die "Falken" die Geld- und Zinspolitik.
In der EZB dominieren derzeit die "Falken" die Geld- und Zinspolitik.© emranashraf / stock.adobe.com

Bei der geldpolitischen Entscheidung der Europäischen Zentralbank Mitte Dezember hatte eine “große Zahl” von Ratsmitgliedern zunächst eine Zinserhöhung um 75 Basispunkte bevorzugt und nicht den moderateren 50-Basispunkte-Schritt, den Chefvolkswirt Philip Lane empfahl und auf den sich die Notenbanker letztlich einigten. Dies geht aus dem Protokoll der Beratungen hervor, das am Donnerstag veröffentlicht wurde und über das Bloomberg berichtet.

Auch im Bezug auf die quantitative Straffung beschloss der EZB-Rat ein niedrigeres Tempo als es einige Mitglieder gefordert hatten. Für die nächsten Zinsentscheidungen hat Lagarde weitere Zinserhöhungen um jeweils einen halben Prozentpunkt angekündigt.

Die Verlangsamung der Inflation, die sinkenden Energiepreise und der stärkere Euro sprechen manchen EZB-Kreisen zufolge gegen eine weitere Anhebung um einen halben Prozentpunkt über Februar hinaus. Nach der aggressivsten geldpolitischen Straffung in der EZB-Geschichte schauen die Ratsmitglieder inzwischen verstärkt eher auf die Rekordwerte bei der Kerninflation als auf die Teuerung insgesamt.

“Alles in allem deuten die aggressiven Aussagen des Protokolls, die jüngsten Wirtschaftsdaten und die jüngsten Äußerungen der Ratsmitglieder darauf hin, dass es immer wahrscheinlicher wird, dass einer Anhebung um 50 Basispunkte im Februar eine weitere im März folgen wird", kommentieren Jamie Rush und Maeva Cousin von Bloomberg Economics.

Nachfolgend die wichtigsten Aussagen aus dem EZB-Protokoll:

Zu den Zinsen

  • “Eine große Zahl von Mitgliedern sprach sich zunächst für eine Anhebung der EZB-Leitzinsen um 75 Basispunkte aus, da die Inflation eindeutig zu lange auf einem zu hohen Niveau verharrte und die vorherrschenden Markterwartungen und finanziellen Bedingungen eindeutig nicht mit einer rechtzeitigen Rückkehr zum Inflationsziel der EZB von zwei Prozent vereinbar waren.”
  • “Einige dieser Mitglieder bekundeten jedoch ihre Bereitschaft, einer Zinserhöhung um 50 Basispunkte zuzustimmen, falls eine Mehrheit den Vorschlag von Herrn Lane unterstützen würde — und zwar unter Berücksichtigung einer verstärkten Kommunikation der geldpolitischen Absichten des EZB-Rats und einer verstärkten Botschaft, dass der EZB-Rat die Zinsen weiterhin deutlich und nachhaltig anheben würde, die ebenfalls Bestandteil des Vorschlags waren.”
  • “Dies wurde in gewisser Weise als weitgehend gleichwertig mit einer Anhebung der Zinsen um 75 Basispunkte auf der jetzigen Sitzung angesehen, da ein weniger vorgezogenes, aber stetigeres Vorgehen bei der Anhebung der Zinsen auf ein restriktives Niveau als mit dem hartnäckigeren Charakter des Inflationsprozesses und der anhaltend hohen Unsicherheit vereinbar angesehen werden könnte.”

Zur Inflation

  • “Die jüngsten Daten deuten darauf hin, dass die Inflation breiter und hartnäckiger geworden ist. Der Rückgang der Gesamtinflation im November war zwar unerwartet, aber die Inflation war immer noch höher als im September prognostiziert.”
  • “Selbst wenn die Gesamtinflation im Laufe des Jahres 2023 vor allem aufgrund von Basiseffekten stark zurückgehen sollte, dürfte dies bei der Kerninflation nicht der Fall sein. Die Messgrößen der Kerninflation wiesen im Monatsvergleich weiterhin eine sehr starke Dynamik auf.”
  • “Dies spiegelte sich auch in den Projektionen wider, wonach die Kerninflation im Jahr 2023 höher sein dürfte als im Jahr 2022, hartnäckiger sein wird und auch im Jahr 2025 deutlich über dem Zielwert liegen dürfte. Dies implizierte ein erhöhtes Risiko, dass sich die Inflation in der Wirtschaft des Eurogebiets verfestigt.”

Zur quantitativen Straffung

  • “Einige Mitglieder sprachen sich dafür aus, das APP-Portfolio schneller abzubauen oder dafür, die Reinvestitionen ganz einzustellen.”
  • “Es wurde jedoch davor gewarnt, dass ein zu schnelles Tempo des Abbaus zu einer erneuten Fragmentierung des Anleihemarktes führen könnte, was weitere Zinserhöhungen erschweren könnte. Unter diesem Gesichtspunkt wurde ein moderates Tempo als angemessener erachtet, zumal eine Verringerung der Bilanzsumme nur begrenzte Auswirkungen auf die Inflationsaussichten haben dürfte.”

Zur Konjunktur

  • “Mit dem Vorstoß der Zinsen in den restriktiven Bereich muss der Rat aufpassen, dass er die Nachfrage nicht übermäßig dämpft und damit die prognostizierte Rezession verschärft.” (aa)

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