Logo von Institutional Money
| Märkte

Dramatisch: Die 50-Milliarden-Euro-Lücke der Lebensversicherer

Anhaltend niedrige Zinsen und eine Verschärfung der Stress-Szenarien der europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA werden die Solvabilität vieler Lebensversicherungen weiter erheblich verschlechtern. Das zeigt eine Studie von Oliver Wyman zur Risikokapitalausstattung deutscher Lebensversicherer.

Einige Lebensversicherer kämpfen gegen den Abgrund. 
Einige Lebensversicherer kämpfen gegen den Abgrund. © freshidea

Nicht umsonst hat Allianz-Chef Oliver Bäte vor kurzem in einem Handelsblatt-Interview davor gewarnt, dass mancher deutsche Lebensversicherer wegen der anhaltenden Niedrigzinsen vor dem Scheitern steht. "Ich rechne gerade angesichts der massiven Verwerfungen damit, dass ein paar Wettbewerber, die nicht gut gewirtschaftet haben, ausscheiden", erklärte der Chef des deutschen Marktführers und ergänzte, das Ausscheiden von Unternehmen, die es nicht schafften, gehöre zur Marktwirtschaft und das müsse es auch bei Finanzdienstleistern geben.

Vor allem für klassisch geprägte Lebensversicherer wird die Kapitalanlage in sichere Asset-Klassen immer schwieriger: Unternehmensanleihen verzinsen geringer, nicht nur deutsche Staatsanleihen haben seit längerer Zeit negative Renditen – und die Entwicklung der Covid-19-Pandemie und eine entgrenzte europaweite Staatsverschuldung zementiert dieses negative Umfeld auf Jahre hinaus. Die Folgen sind nicht nur sinkende Altersvorsorgeleistungen für die Kunden aufgrund stetig sinkender Überschussbeteiligungen. Den Lebensversicherungen fällt es auch immer schwerer, ihre Solvenz, also ihre Zahlungsfähigkeit aus regulatorischer Sicht, nachhaltig zu sichern.

Noch erleichtern Übergangmaßnahmen die Solvenzsituation
Von daher kann es nicht verwundern, dass die Ergebnisse einer aktuellen Studie der internationalen Strategieberatung Oliver Wyman unter deutschen Lebensversicherern zeigen, dass die Kapitalausstattung auf Basis der regulatorischen Solvenzquoten (SCR) zum jetzigen Zeitpunkt überwiegend zufriedenstellend bis gut ist. Die von den Aufsichtsbehörden erlaubten Übergangmaßnahmen erlauben es Versicherern, ihre Solvenzsituation durch temporäre Erleichterungen zu verbessern. Das zukünftige Auslaufen dieser Maßnahmen und deren Wirkung verdüstern allerdings den Ausblick für die Branche.

Kurzfristig und auch auf längere Sicht könnten das anhaltende Zinstief, abrupte Zinsschocks und fallende Kapitalmärkte den Druck auf die Lebensversicherer erhöhen. Europäische Regulatoren könnten die Solvenzanforderungen weiter verschärfen, um das Zinsrisiko durch Anpassungen der verwendeten Zinskurve realitätsnäher abzubilden. Auch die Studie kommt zu dem Schluss, dass im deutschen Markt künftig nur für weniger Lebensversicherungsunternehmen Platz sein wird.

Es wird zunehmend schwerer, versprochene Renditen zu erwirtschaften
"Die private Lebensversicherung ist traditionell ein wichtiger Bestandteil der Altersvorsorge in Deutschland. Die andauernden niedrigen Realzinsen machen es Versicherern aber zunehmend schwerer, die ihren Kunden versprochenen Renditen zu erwirtschaften und ihre eigene Solvabilität nachhaltig zu sichern", erläutert Heiko Faust, Partner und Lebensversicherungsexperte bei Oliver Wyman. Die Strategieberater haben dazu zwei typische Unternehmen modelliert, um die Auswirkungen der Zinsentwicklung sowie möglicher regulatorischer Anforderungen an die Solvenz der deutschen Lebensversicherungsunternehmen quantitativ zu bewerten: einen eher klassisch geprägten Lebensversicherer sowie einen Versicherer, dessen Bestand sich maßgeblich aus fondsgebundenen und biometrischen Versicherungen zusammensetzt.

Für beide Arten von Lebensversicherern wurden dabei mehrere Szenarien analysiert. "Während Versicherer mit maßgeblich fondsgebundenen Altersvorsorgeverträgen und biometrischen Risiken den Herausforderungen recht gelassen entgegensehen können, wird es besonders für traditionelle Anbieter mit hohen Beständen an klassischen Lebensversicherungen eng", erläutert Tobias Klostermann, Principal bei Oliver Wyman.

Der im Modell betrachtete klassisch geprägte Lebensversicherer weist aktuell eine auf den ersten Blick komfortable Kapitalisierung von 147 Prozent aus - gemessen in der Solvenzquote, also dem Überschuss der Eigenmittel über die Kapitalanforderungen nach Solvency II.

Bei noch weiter sinkenden Zinsen drohen aufsichtsrechtlichen Konsequenzen
Betrachtet man isoliert das aktuelle Zinsumfeld zum Halbjahr 2020, fällt die Solvenzquote bereits um mehr als 50 Prozentpunkte auf 94 Prozent. Bei noch weiter sinkenden Zinsen zeigen die Projektionen von Oliver Wyman ein Abrutschen auf bis zu 55 Prozent. Das bedeutet, dass der Versicherer nur noch rund halb so viel Kapital zur Verfügung hätte, wie er es nach Solvency II vorhalten müsste. "Teile des Marktes wären damit nicht mehr in der Lage, die aufsichtsrechtliche Mindestanforderung zu erfüllen und hätten mit aufsichtsrechtlichen Konsequenzen zu rechnen", heißt es in der Studie.

Betrachtet man die aktuellen Planungen der Aufsichtsbehörden zur Anpassung der Zinskurven sowie der sogenannten Ultimate Forward Rate, so ist weiteres Ungemach zu erwarten. Selbst bei einer Stabilisierung des Zinsumfeldes auf Basis von Ende 2019 würden die Änderungen eine deutliche Verschlechterung der Solvenzquote des betrachteten Modellversicherers bedeuten – die Solvenzquote läge nur noch bei unzureichenden 80 Prozent.

Versicherer sind mit aktuellen Solvenzquoten nur scheinbar gewappnet
"Beide Szenarien sind bereits für sich genommen eine Bedrohung für die Solvenz eines signifikanten Teils des Marktes. Unsere Berechnungen zeigen, dass eine Kombination dramatisch werden dürfte", warnt Mario Hörig, Partner und Experte für Risikomodellierung bei Oliver Wyman. Zwar decken die zugrundegelegten Modelltypen nicht den gesamten deutschen Lebensversicherungsmarkt ab, sie illustrieren aber realitätsnah das entstehende Problem: Nicht nur regulatorische Eingriffe sind wahrscheinlich, sondern auch ihr gleichzeitiges Zusammentreffen mit Marktverwerfungen. Den Beratern zufolge sind die Versicherer mit ihren aktuellen Solvenzquoten nur scheinbar gewappnet – teilweise lediglich aufgrund zeitlich beschränkt zulässiger Übergangsmaßnahmen. "Eine Konsolidierung im Markt wird dadurch immer wahrscheinlicher, etwa durch Übernahmen oder Verkauf", so Faust. "Auch das Thema eines internen Run-Offs wird wieder zunehmen."

Nach den Berechnungen der Oliver Wyman-Berater erfordert die nachhaltige Stabilisierung der Solvenzquote der deutschen Lebensversicherungen auf das aktuelle Niveau selbst im nicht Worst-Case Szenario bis zu 50 Milliarden Euro an zusätzlichem Eigenkapital – das entspricht der Hälfte des aktuell im Markt befindlichen Kapitals. "Auch wenn Dank der Übergangsmaßnahmen noch keine Welle regulatorischer Unterdeckung zu befürchten ist, werden einige Lebensversicherer in Deutschland nahe an den kritischen Bereich rücken", warnt Faust. Ein Umstand, der die BaFin am Ende dazu zwingen werde, weitere Versicherer unter intensivierte Aufsicht "in Manndeckung" zu nehmen.

Besonders Anbieter der traditionellen Kapitalleben kommen unter Druck
Besonders Anbieter traditioneller, langlaufender Kapitallebensversicherungen mit ihrer immer weiter sinkenden garantierten Verzinsung und abschmelzenden Überschussbeteiligung kommen unter Druck. Sie sind eine der tragenden Säulen der Altersvorsorge in Deutschland. Reine Unit-Linked- und Biometrie-Versicherer dagegen sind aufgrund ihres Geschäftsmodells und vergleichsweise geringen Garantien vergleichsweise komfortabel kapitalisiert, so das Fazit der Analyse. (hh)

Dieses Seite teilen